(Hilfe,) die Welt wird katholischer….


Das meinte jedenfalls der Münchner Soziologieprofessor Armin Nassehi, am 30. Dezember 2009 auf Seite 42 in der SZ – allerdings ohne den Zusatz „Hilfe“, der stammt von mir und soll ebenso provozieren, wie das Interview.

Sein Ausgangspunkt ist die post bürgerliche Gesellschaft. Deren Definition bleibt er allerdings schuldig, sie erschließt sich nur bruchstückhaft aus dem Interview:

Das Meiste, was einen Alltag heute ausmache, funktioniere eher ritualisiert, eher praktisch, eher reflexionsfrei, eher ästhetisch. Wir fänden Dinge faszinierend, die uns mit Bildern sinnlich ansprechen. In einer Mediengesellschaft funktioniere eben fast alles über Bilder, wenn man wolle: über Fernsehformate.

Der Protestantismus habe sich immer dagegen gewehrt, dass das Religiöse primär über Bilder, Gefühle und Verschmelzungsphantasien zum Faszinosum werde. Damit sei er besonders tauglich für das Selbstbild der bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer Betonung des selbsttranparenten, identiätsstarken Individuums. Der Einzelne entscheide rational und in voller Transparenz. Der handelnde Akteur kann immer gute Gründe angeben, für das, was er tut. Der mittelalterliche Mensch habe ethisch von der Hand in den Mund gelebt, er wußte ja auch nicht, dass er Katholik war, das gab es ja erst nach Luther, er war einfach nur Christ. Der muß eine einheitliche Lebensführung zumindest simulieren. Er brauche eine Form von Intellektualität, die ohne Widersprüche auskomme, die Glaubenssätze müßten alle zusammenpassen. Soweit mein sehr geschätzter Lehrer Prof. Nassehi.

Als erstes bedarf die „post bürgerliche Gesellschaft“ einer eingehenden Diskussion:

Es mag ja sein, dass viele Mitglieder der Gesellschaft (ich vermeide bewusst den Begriff „Bürger“ !) „Opfer“ der Kulturindustrie nach Horkheimer/Adorno geworden sind, aber dies doch in ganz unterschiedlicher Weise. Nicht jeder läßt sich kritiklos einlullen und nimmt alles hin, so, wie die Medien gerne hätten ! Dass vieles heute über Emotionen besser zu vermitteln ist, als durch das pure Sachargument, dem ist sicher zuzustimmen. Das bestätigen auch Hirnforscher, die den Lernerfolg, insbesondere in der Schule, nicht durch Angst und Drill, sondern durch positive Gefühle und echtes Interesse für den „Lerngegenstand“ gewährleistet sehen wollen. Dass die Lehrer hierbei gegen Playstation und Hollywood konkurrieren, wie der Hirnforscher Spitzer sagt, macht die Sache sicher nicht leicht. Es ist halt einfacher, sich „bespaßen“ zu lassen, als sich selbst mit einem Problem auseinander zusetzen !

Aber dass die Welt hauptsächlich über Fernsehformate interpretiert wird, dem kann ich nicht zustimmen. Zur emotionalen „Bezauberung“ gehören nicht nur schöne Bilder, sondern auch das Hören, Riechen und Schmecken. Die Emotionen werden aber von den Kirchen seit eh und je gut bedient: Die mit „Feiertagschristen“ aller Konfessionen vollen Kirchen an den hohen Fest- und Feiertagen wie Weihnachten, Ostern usw. zeigen eindeutig, dass es hier keine wesentlichen Unterschiede gibt. Auch die und die zentralen Gebete, wie z.B. das Vaterunser unterscheiden sich für den theologischen Laien nur semantisch. Ein großer Unterschied ist allerdings die Möglichkeit der Katholiken, ihre Sünden durch die Beichte loszuwerden. Da ist den Evangelen verwehrt, sie müssen auf das Jenseits warten, ob sie zu den Erwählten oder Verstoßenen zählen. Max Weber hat die Folgen, die sich seiner Meinung nach daraus ergeben, in seinen Arbeiten zur Protestantischen Ethik eindrucksvoll aufgezeigt.

Im Interview wird auch nicht ganz deutlich zwischen gläubigen Christen und Kirchenmitgliedern unterschieden. Die Frage, ob ein Gläubiger eine Organisation als Vermittler zwischen Gott und sich braucht, darf nicht ausgeblendet werden.

Die katholische Kirche bietet ihren Mitgliedern die absolute Wahrheit, in theologischen Fragen ist der Papst ja sogar unfehlbar. Das gibt einem Gläubigen den Halt und die Struktur, wonach die Menschen in ihrem tiefsten Inneren suchen. Auch die zahlreichen Riten sind dazu geeignet, Halt zu geben. In ähnlicher Weise tut das das Judentum.

Das hat ja auch jahrhundertelang gut funktioniert. Das Wissen ist aber heute weitestgehend allgemein verfügbar geworden und die Probleme, vor die sich die Menschen gestellt sehen, sind wesentlich komplexer geworden. Die christlichen „Glaubensessentials“ sind ja auch nicht gerade einfach mit Erbsünde, Erlösung Kreuzestod usw. In anderen Glaubensrichtungen geht das auch einfacher. Zum Beispiel beim Buddhismus gibt es die vier edlen Wahrheiten:

  • Leben ist immer Leiden;

  • die Ursache für das Leiden sind die Begierden;

  • Das Aufheben der Leiden gelingt nur durch die Aufhebung der Begierden;

  • Der konkrete Weg die Begierden aufzuheben ist der achtfache Pfad
    (ähnlich den 10 Geboten).“

Die „Erklärungsangebote“ sind eben gerade durch die Medien mehr geworden und die Menschen scheinen experimentierfreudigen geworden zu sein, was den „Weg zur Seligkeit“ anbetrifft, sie wollen vielleicht auch weniger „delegieren“. Es muß ja auch nicht alles streng logisch sein, das zeigt auch die von Nassehi zitierte Untersuchung, wonach die Leute sich ihre Inhalte selbst zusammenbasteln, die aber argumentativ nicht zur Einheit verschmolzen werden müssen.

Katholischer ist die Welt keineswegs geworden, deshalb ist auch kein Hilferuf notwendig ! (zumindest meiner Meinung nach)

Man ist nur wesentlich bereitwilliger geworden, das infrage zu stellen, wo man „hineingeboren“ wurde. Dass das auch durch emotionalere „Erklärungsformate“ geschieht, ist ja nicht abzulehnen.

Dass die Kirchen allerdings Mitglieder dadurch gewinnen könnten, dass die Leute über die „Hintertüre“ zu Ihnen über Aktionen kämen, die nicht primär kirchlich wären und dann „drinblieben“, wie Nassehi vorschlägt, halte ich für ziemlich abenteuerlich. Ich wäre da schnell wieder weg, wenn ich merken würde, dass ich wo hingeraten bin, wo ich nicht hinwollte.

Da bin ich ziemlich evangelisch und rational, das möchte ich schon gerne bewusst bestimmen !

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